Herausforderung

Das Erstaunlichste an unserem Gesundheitswesen ist, dass es zwei Drittel von uns an chronischen Krankheiten leiden und sterben lässt, obwohl es weiß, wie wir sie verhüten können [2]. So schädigen wir nicht nur unsere Gesundheit, sondern auch unsere Volkswirtschaft. Denn chronisch Kranke leisten weniger und kosten mehr als ihre gesunden Kollegen. Der Schaden ist so groß, dass die Ratingagentur Standard & Poor's Deutschland mit einem Entzug seines AAA-Ratings in 5 Jahren droht, sollten wir bis dahin unser Gesundheitswesen nicht in Ordnung gebracht haben.

Höchste Zeit also, die Herausforderung anzunehmen und die Frage zu stellen:

Woran krankt unser Gesundheitswesen?

an Betriebsblindheit: Die Behandlung von Krankheit, nicht der Erhalt der Gesundheit ist der Fokus unseres Gesundheitssystems. In ihm wird die Karriere zur chronischen Erkrankung erst erkannt, wenn es für deren Verhütung meist zu spät ist. Die Schuld daran liegt auch...

an schwammigen Risikofaktoren: Cholesterin, Blutdruck, Blutzucker & Co. sagen wenig aus über das wirkliche Krankheitsrisiko und nichts über die Gesundheit. Sie sind Ersatzparameter für das, was die Gesundheit und das Krankheitsrisiko sehr genau bestimmt: die Vitalfunktionen. Aber die zu messen ist teuer und zeitaufwändig, während Risikofaktoren nur wenige Cents kosten. Womit wir beim nächsten Grund sind...

am falschen Geschäftsmodell: Wer mit der Behandlung chronischer Krankheit sein Geld verdient, hat kein Interesse an chronischer Gesundheit. Alleine mit Cholesterin- und Blutdrucksenkern verdienen Pfizer, Merck & Konsorten 90 Milliarden Dollar jedes Jahr. Für den Erhalt dieser Pfründe sorgt unser Gesetzgeber. Er hat den Kassen eine Obergrenze für Präventionsausgaben in den Paragraphen 20 des 5. Sozialgesetzbuchs geschrieben: € 2,74 pro Versichertem pro Jahr.

am Medizinmonopol: Wer für die Gesundheit zuständig sein will, darf sich nicht nur um Krankheit kümmern. Tatsache aber ist, dass es keine Berufsgruppe gibt, die sich überwiegend mit der Prävention der chronischen Krankheiten befasst, obwohl die das größte Kontingent der Kranken stellen. Ärzten fehlt die Zeit und meist das erforderliche Spezialwissen. Das ist in Fachbereichen der Gesundheitswissenschaften zu Hause, aber nicht beim Hausarzt. Die Kluft zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und praktischer Umsetzung in der Prävention ist heute eines der dringendsten Probleme des Gesundheitswesens weltweit [2]. Statt einem Monopol für Mediziner brauchen wir interdisziplinäres Arbeiten. Das heißt, die Kompetenz und die Forschungsergebnisse aller Gesundheitswissenschaften anzuerkennen, auch wenn die manchmal unbequem sind.

an Missachtung der Forschung: Da wissen die Neurowissenschaftler seit mehr als 10 Jahren, dass uns Zucker und Fett genauso heiß auf mehr machen wie Nikotin, Alkohol oder Drogen. In den gleichen Hirnzentren, mit den gleichen neurohormonalen Mechanismen. Und genauso geschützt vor dem Zugriff des freien Willens und der Vernunft. Trotzdem verharrt unser Gesundheitswesen in dem Aberglauben an die Vernunft als einzigen Treiber unseres Essverhaltens. Das ist bequem, denn man kann die Schuld auf die Dicken schieben. Und damit auch das Versagen all jener Aufklärungskampagnen und Programme, trotz derer zwei Drittel unserer Bevölkerung an den Folgen ihres Eß- und Bewegungsverhaltens leiden und sterben. Womit wir bei der eigentlichen Ursache der Epidemie der chronischen Krankheiten sind...

[2] Matheson, G.O., et al., Responsibility of sport and exercise medicine in preventing and managing chronic disease: applying our knowledge and skill is overdue. British Journal of Sports Medicine, 2011.